Vorschau auf lokalhistorischen Vortrag

Abstracts, Allgemein, Archivgeschichte, Veranstaltungstipps

Neben archivfachlichen Beiträgen wird es auf dem 87. Deutschen Archivtag auch in diesem Jahr wieder einen lokalhistorischen Vortrag geben. Thema: „Sich Einschreiben in die Demokratie. Bürgerbriefe an den Oberbürgermeister als Medium der politischen Teilhabe im Wolfsburg der 1950er/60er Jahre.“ Was genau darunter zu verstehen ist, erklärt Referent Dr. Alexander Kraus in diesem Beitrag. 

Direkt an die staatlichen Vertreter adressierte Bürgerbriefe sind – anders als beispielsweise Petitionen – in der bundesdeutschen Nachkriegsdemokratie im Grunde nicht vorgesehen. Es haftet ihnen im Zeitalter einer repräsentativen Demokratie etwas Vormodernes an; nicht selten wurden sie daher in ihrer frühen Rezeptionsgeschichte als anachronistische Überlieferungen einer längst vergangenen „Untertanenkultur“ beschrieben. Dabei gesteht Artikel 17 des Grundgesetzes einem jeden Bürger das Grundrecht zu, „sich einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an die zuständigen Stellen und an die Volksvertretung zu wenden“.

Der Bürgermeister von Berlin-Kreuzberg, Willi Kressmann (l), übergibt zur Rathauseinweihung Oberstadtdirektor Wolfgang Hesse (r) einen Kummerkasten, Wolfsburg 1958. Foto: IZS

Das Bundesverfassungsgericht stärkte diese Position 1953 noch dahingehend, dass eine „ordnungsgemäß eingereichte Petition“ eine über eine bloße Empfangsbestätigung hinausreichende schriftliche Antwort erforderlich mache. Die Göttinger Kulturanthropologin Michaela Fenske liest denn auch gerade die Bürgerbriefe der Bonner Republik als wichtigen Schritt im Aushandlungsprozess der bundesdeutschen Nachkriegsdemokratie.

Auch im Wolfsburg der Nachkriegszeit wandten sich die Bürgerinnen und Bürger intensiv an ihren Oberbürgermeister – und dies nicht erst, als ihnen nach der offiziellen Einweihung des neu gebauten Rathauses durch den Bürgermeister von Berlin-Kreuzberg, Willi Kressmann, ein explizit dafür vorgesehener „Kummerkasten“ zur Verfügung stand. Ein solcher habe in Berlin „guten Anklang gefunden“, so Kressmann, und angesichts der zahlreichen im Stadtarchiv Wolfsburg überlieferten Briefe kann konstatiert werden: in der Stadt am Mittellandkanal nicht minder.

In den überlieferten Briefen an den Oberbürgermeister suchten sich all jene Bürgerinnen und Bürger Gehör zu verschaffen, die in der Epoche des von Euphorie getragenen Aufbaus Wolfsburgs, die sich in den 1950er Jahren in Zuschreibungen wie „Neu-Texas“, „Pionier-“ oder „Goldgräberstadt“ widerspiegelt, die nicht am wirtschaftlichen Aufschwung teilhatten. Damit richtet sich der Blick auf diejenigen innerhalb der Stadtgesellschaft, die nicht unmittelbar mit der prosperierenden Wirtschaftswunderstadt in Verbindung gebracht werden. Es gilt zu fragen, wie die städtische Verwaltung auf deren Sorgen und Nöte in der direkten Kommunikation reagierte und welche demokratisch legitimierten Pfade gangbar waren?

Lokalhistorischer Vortrag
Dr. Alexander Kraus: Sich Einschreiben in die Demokratie. Bürgerbriefe an den Oberbürgermeister als Medium der politischen Teilhabe im Wolfsburg der 1950er/60er Jahre.

Freitag, 29. September 13:30 bis 14:30 Uhr
CongressPark Wolfsburg / Kleiner Saal

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