„Ist das Archivgut – oder kann das weg?“

Allgemein

Sektionssitzung 2 zur Bewertung und Überlieferung von Massendaten und Massenakten.
Raimund Plache (sächsisches Staatsarchiv Chemnitz) führte in die Sektionssitzung ein, indem er den Titelfrage noch zuspitzte: „Sie wollen das doch nicht auch noch überliefern“. Eine Haltung gegenüber Massenakten, die auch dem deutschen Archivwesen nicht unbekannt war  – vgl. Stehkämpers „mißliebige Akten“.
Aktuell wird die Bedeutung von Massenakten nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt. Bei neuen Massenakten und -daten jedoch werden Archivwürdigkeit ermittelt, Quellenwert bemessen und eine wirtschaftlicher Bearbeitungs-Work-Flow erarbeitet.

Dr. Judith Matzke (Dresden): Zwischen Leistungsgewährung und Arbeitsvermittlung – Die Bewertungsfestlegungen für Unterlagen der Jobcenter (gE) im Sächsischen Staatsarchiv
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Nach dem Vermittlungsskandal in der Arbeitsverwaltung (2002), und den darauffolgenden Hartz-Reformen entstanden neue Strukturen in der Arbeitsverwaltung. Neben Agenturen für Arbeit wurden Jobcenter gebildet, die aus den 2005 gegründeten Arbeitsgemeinschaften (Arge) hervorgingen. Die Jobcenter zeichnen sich für die Leistungen nach dem Arbeitslosengeld II und für berufliche Wiedereingliederungsmaßnahmen verantwortlich.

Im Bundesgebiet existieren zurzeit 408 Jobcenter – 303 gemeinsame Einrichtungen von Bund und Kommunen und 105 kommunale Einrichtungen – mit ca. 3.3 Mio. Bedarfsgemeinschaften, die 6.4. Mio Personen umfassen. Während für die ebenfalls neuen Arbeitsagenturen Bewertungsempfehlungen von der Archivreferentenkonferenz der staatlichen Archive erarbeitet worden waren, liegen solche für die Jobcenter (gE) noch nicht vor. Der wachsende Abgabendruck zwang die sächsischen Staatsarchiven zum schnellen Handeln. Ziel der überlieferungsbildnerischen Arbeit das Landes Sachsen unter Federführung des Staatsarchivs in Chemnitz ist die Dokumentation des Verwaltungshandeln mit äußerst geringer Quotenregelung bei der Einzelfallüberlieferung. Denn die Einzelfallakten erlaubten nach einer Aktenautopsie lediglich ein Abbild der finanziellen Leistungen des Staates zu geben.So werden 2 Jobcenter – Chemnitz für den städtischen Raum und Vogtland für den ländlichen – dokumentiert, die jährlich 10 Leistungsakten auswählen. Ferner werden zwischen 2 und 5 Einzelfallakten für Unterhaltslesitungen, Leistungen zu Bildung und Teilhabe, sowie zur freier Förderung bzw. Förderung aus dem europäischen Sozialfonds übernommen. Als nicht archivwürdig wurden u. a. Eingliederungsvereinbarungen, Ordnungswidrigkeitsfälle und Prozessakten bewertet.

Das in enger Abstimmung mit der sächsischen Regionaldirektion für Arbeit entstandene Überlieferungsmodell ist seit Sommer 2016 in Kraft und hat bereits zu ersten Ablieferungen geführt. Das Modell wurde auch auf die Überlieferung der Arbeitsagenturen übertragen und führte zur Änderung der Aktenordnung der Bundesagentur für Arbeit im Bereich der Aktenaussonderung.

Annette Karnatz (Radebeul): Personenstandsunterlagen ehemals selbstständiger Gemeinden
Nach einer kurzen Vorstellung des „sächsischen Nizza“ und des Stadtarchivs folgte ein Erfahrungsbericht über dem Umgang mit 2 neuen Massenakten in kommunalen Archiven:
1) Sammelakten des Personenstandswesen
Nach der Änderung des Personenstandsgesetzes gelangten neben den unstrittig archivwürdigen Registern auch die teilweise in einem desolaten technischen Zustand befindlichen Sammelakten in die Zuständigkeit des Radebeuler Stadtarchiv. Erste Hinweise zur Bewertung der Sammelakten gab die Empfehlung der Bundeskonferenz der Kommunalarchive aus dem Jahr 2009. Die Personenstandunterlagen steigerten seit 2009 die Benutzungszahlen um das Zweieinhalbfache. Die durch diesen Anstieg gemachten Erfahrungen führten zu zwei für die Bewertung wichtigen Ergebnissen:
a) Gute Rechercheergebnisse lassen sich nur mit Hilfe der Sammelakten erzielen
b) Aufgrund des Überlieferungsverlustes in Folge der Bombardierung des benachbarten Dresdens während des Zweiten Weltkriegs stellen die Sammelakten eine ergänzende bzw. Ersatzüberlieferung dar, da verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Dresden und Radebeul nicht selten waren.
2)  Wohngeld
Erst nach 1990 wurde eine Wohngeldstelle eingerichtet. Die dort entstehenden, Einzelfallakten, die eine Aufbewahrungsfrist von 5 Jahren haben, geben u.a. Aufschluss über die Wohn- und Familienverhältnissen der Antragsstellenden. Aufgrund des besonderen gesellschaftlichen Prozesses nach 1990 hat sich das Radebeuler Stadtarchiv für eine Komplettarchivierung der Einzelfallakten der „wendezeit“ entschieden. Ein zeitlicher Schnitt wird gezogen werden, für Akten die nach 2010 entstanden sich; für diese Akten ist eine Buchstabenauswahlbeabsichtig.

Dr. Sabine Eibl (Duisburg) und Dr. Jens Heckl (Münster): „Unbekannte Quellen“ – Die Buchreihe des Landesarchivs NRW zu den Massenakten des 20. Jahrhunderts
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Die seit 2010 erscheinende, quellenkundliche Reihe des Landesarchivs NRW zu Massenakten, dem „Schrecken des Berufszweiges“ (Heckl), hatte als Ziel, der historischen Forschung die ungenutzten Quellen näher zu bringen. In durch einen Kriterienkatalog vergleichbar gestalteten Beiträgen sollten einzelne Massenakten quellenkundlich beschrieben werden. Besonderes Augenmerk wurde auf die Auswertungsmöglichkeiten der Unterlagen gerichtet.
Als Ergebnis der bisher vorliegenden 3 Bände kann festgehalten werden:

    1. Das Ziel, die wissenschaftliche Nutzung von Massenakten zu steigern, wurde nicht erreicht.
    2. Die archivfachliche Erarbeitung der quellenkundlichen Texte führt zu wichtigen Ergänzungen der i. d. R. flachen Erschließung der Massenakten.
    3. Ebenso liefert die quellenkundliche Beschäftigung mit den Massenakten wertvolle Hinweise für die Erarbeitung von Archivierungsmodellen.
    4. Schließlich betont die intensivere archivwissenschaftliche Bearbeitung der Massenakten deren „eigene Wertigkeit“. Sie eröffnet neue Auswertungsmöglichkeiten, wie z. B. bei den Enteignungsakten, die Aufschluss über mentalitäts- und kulturgeschichtliche Fragestellungen geben können (Stichwort: Schlageter-Denkmale)

Das Landesarchiv wird die Reihe als Plattform für weitere auch archivspartenübergreifende, quellenkundliche Beiträge fortsetzen.

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