Gemeinsame Arbeitssitzung

Aktuelles, Allgemein

Ein Gastbeitrag von Dr. Michael Häusler

Jedes Archiv hat eine Demokratie unterstützende Funktion und soll ihr gerecht werden. Dieses hohe Ideal formulierten sämtliche Beiträge der Gemeinsamen Arbeitssitzung, mit der der 88. Deutsche Archivtag in seine Sacharbeit einstieg. Zugleich machten die konkreten Beispiele deutlich, dass jedes Archiv, ob klein oder groß, an der Umsetzung dieses Ideals aktiv mitwirken kann.

Dr. Peter Quadflieg (Eupen) sprach zu „Autonomie und Archiv“. Foto: VdA

Die Zweigstelle des Belgischen Staatsarchivs in Eupen arbeitet am Aufbau einer Überlieferungsbildung für die Institutionen der kleinen Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. In seinem Vortrag beschrieb Dr. Peter Quadflieg die administrativen Rahmenbedingungen und praktischen Herausforderungen, die damit verbunden sind. Es wurde deutlich, welche wichtige Rolle dieses Archiv für die konstitutionelle Entwicklung der Autonomie der deutschsprachigen Belgier hat. Die ostbelgische Regierung unterstützt den Aufbau des Archivs, weil für sie die Beschäftigung mit der Regionalgeschichte einen wichtigen Bestandteil für die Weiterentwicklung der Identität der Deutschsprachigen Belgier darstellt.

Dagmar Hovestädt (Berlin) sprach in der gut besuchten Gemeinsamen Arbeitssitzung. Foto: VdA

Völlig andere Größendimensionen besitzt die Arbeit des Stasi-Unterlagen-Archivs in Berlin, über die dessen Pressesprecherin Dagmar Hovestädt berichtete. Sie beschrieb ihr Haus als Bespiel einer Gattung von Menschenrechtsarchiven, zu denen sowohl Archive von Geheimdiensten und Polizeibehörden repressiver Systeme als auch Archive von Institutionen zur Aufarbeitung solchen Unrechts (z.B. von Wahrheitskommissionen) zählen. Sie dokumentieren den Missbrauch staatlicher Gewalt und dessen Überwindung und schaffen damit „Übergangsgerechtigkeit“. Dazu bedarf es aber des Engagements der BürgerInnen, diese Archive entsprechend zu nutzen. In Deutschland besteht die Besonderheit, dass die BStU selbst in großem Umfang einen Auswertungsauftrag hat, zugleich arbeite sie eng mit anderen staatlich finanzierten Institutionen zusammen, die diesen Auftrag haben (Stiftung Aufarbeitung, Gedenkstätten, Museen). In der Diskussion wurde deutlich, dass eine vergleichbare Funktion allen Archiven zukommen kann, weil auch Unterlagen die nicht im Bewusstsein der Dokumentation von Unrecht archiviert wurden, unter gewandelten gesellschaftlichen Bedingungen den Charakter des Nachweises von Unrecht erhalten können (z.B. Umweltskandale, Heimerziehungsdebatte).

Dr. Bastian Gillner (Duisburg) hielt einen Vortrag zum Thema „Good Governance als Kollateralnutzen. Foto: VdA

Die Funktion der Archive bei der Etablierung eines für die Bürger nachvollziehbaren E-Government thematisierte der Beitrag von Dr. Bastian Gillner vom Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Duisburg. Schonungslos schilderte er den Zerfall behördlicher Aktenführung in ein ungeregelte Nebeneinander elektronischer und analoger Ablagen. Die Archive werden nicht in der Lage sein, den verloren gegangenen Zusammenhang der verstreuten Dokumente nachträglich herzustellen. Hoffnungen schöpfte er aus der Einführung der E-Akte: Sie muss strukturiert sein und durchläuft einen Lebenszyklus; somit erzwingt sie die Zusammenfassung der verschiedenen Schriftgutarten zum Zeitpunkt ihrer Entstehung. Mangels eigener Sachkompetenz im Bereich Schriftgutverwaltung benötigen die Verwaltungen die Archive für die Beratung in der Einführungsphase. So wirken die Archive an der Schaffung von mehr Transparenz des Regierungs- und Verwaltungshandelns aktiv mit.
Im Plenum wurden zwar Zweifel geäußert, dass (kleinere) Archive in dieser Form gehört werden und wie das Landesarchiv NRW zusätzliche Ressourcen für die Behördenberatung bei der Einführung des E-Government erhalten, aber die Botschaft hörten alle gern. Es gibt auch keine Alternative zu dieser aktiven Einwirkung der Archive, wenn diese nicht langfristig zum Aufbewahrungsort wertloser Splitterüberlieferung verkommen wollen.

Die facettenreiche Sitzung weitete den Blick auf die vielen Einzelfragen, die im Rahmen der folgenden Sektions- und Gruppensitzungen vertieft und diskutiert werden.

Gemeinsame Arbeitssitzung
Demokratie braucht Archive: hohe Ideale, konkrete Beispiele und Professionalität
Leitung: Dr. Bettina Joergens

Mittwoch, 26. September 9:00 bis 10:30 Uhr
Stadthalle Rostock/ Saal 1

4 Gedanken zu „Gemeinsame Arbeitssitzung

  1. Kulturelle Identität – gibt es die?
    Herr Dr. Quadflieg erwähnte in seinem interessanten Vortrag das Regionale Entwicklungskonzept Ostbelgien mit dem dort verwendeten Begriff der „Kulturellen Identität“. Immer wieder sprechen wir Archivarinnen und Archivare von der Bedeutung von Archiven für die Identität z. B. einer Stadt. Der Begriff der „Identität“ spielte auch eine prominente Rolle im Wahlprogramm der AfD Sachsen 2014 (u. a. mit Blick auf den Geschichtsunterricht). Ich selbst stehe dem Begriff der „Kulturellen Identität“ (auch in der Variante einer „sächsischen Identität“) ablehnend gegenüber und plädiere dafür, von kulturellen Ressourcen zu sprechen. Zur Begründung und weiteren Erläuterung: Francois Jullien: „Es gibt keine kulturelle Identität“ (suhrkamp taschenbuch).

    1. Danke für den wichtigen Einwand! Ob aber „kulturelle Ressource“ wirklich treffender und auch griffiger ist – jenseits des rein wissenschaftlichen Diskurses – halte ich für fraglich. Wir sollten darüber weiter diskutieren und evt. neue Begriffe finden. B. Joergens

    2. Ein interessanter Einwand. Aber ich meine, dass es weder möglich noch hilfreich ist , das Vorhandensein von kulturellen Identitäten zu bestreiten. Neben der persönlichen Identität, die jede und jeder von uns für das seelische Gleichgewicht braucht, gibt es stets auch (mehrere verschiedene!) Gruppenidentitäten, die sich durch gemeinsame kulturelle Vorstellungen und Praktiken ausprägen (und mich z.B. als Deutschen, als Westfalen, als Protestanten und als Fussball-Fan definieren).
      Wo ich unbedingt zustimme: Das Ziel, kulturelle Identität stärken zu wollen, ist immer ein politisches. Die Archive sollten sich also genau überlegen, ob sie sich in den Dienst dieses politischen Ziels stellen wollen (wenn sie nicht ohnehin durch ihren Träger dazu verpflichtet sind). Dabei darf in einer freien Gesellschaft nicht vorgegeben sein, was denn die deutsche, sächsische oder ostbelgische Identität angeblich ausmacht (und ob etwa die Weigerung zum Verzehr von Schweinebraten dieser widerspricht). Wo kein gesellschaftlicher Konsens hinsichtlich dieses politischen Ziels besteht, ist Zurückhaltung angesagt. Deshalb halte auch ich es für gut, die Aufgabe der Archive in diesem Zusammenhang in der Bereitstellung von kulturellen Ressourcen zu sehen. Verhindern, dass andere daraus eine kulturelle Identität konstruieren, können wir aber wohl kaum.

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