Sektionssitzung 1

Aktuelles, Allgemein

Ein Gastbeitrag von Rico Quaschny

Die Sektionsitzung 1 widmete sich den Problemen einer verlässlichen Überlieferungsbildung bei der Übernahme. Leiter  Prof. Dr. Michael Scholz (Fachhochschule Potsdam) betonte, sie sei Grundvoraussetzung für die aktive Rolle von Archiven in einer demokratischen Gesellschaft.

Dr. Astrid Küntzel sprach über Grundsatzfragen und aktuelle Herausforderungen der Behördenarchive. Foto: VdA

Dr. Astrid Küntzel (Duisburg) thematisierte in ihrem Vortrag „Behördenarchive“, die bisher in der Fachdiskussion kaum systematisch behandelt wurden. Auf der einen Seite sind Behörden anbietungspflichtig. Verwahren sie jedoch ihre Unterlagen dauerhaft selbst, bestehe die Gefahr der Verselbstständigung ihrer Altregistraturen. Küntzel machte anhand verschiedener Beispiele deutlich, welche Problemfelder mit Behördenarchiven verbunden sind. Archive haben die Aufgabe Verstöße gegen Regelungen des Landesarchivgesetzes zu verhindern, mit den Behörden im Gespräch zu bleiben und Behördenarchive nur als Ausnahmen zuzulassen.

Harry Scholz vom Archiv der sozialen Demokratie bei seinem Vortrag. Foto: VdA

Harry Scholz (Bonn) ging in seinem Referat der Frage nach, wie im Archiv der sozialen Demokratie mit der vielfach auftretenden Mischung von parteibezogenen, privaten und dienstlichen Unterlagen umgegangen wird. Seit etwa einem Jahrzehnt agiert das Archiv mit einer Handreichung bei der Nachlasseinwerbung. Diese enthält den Hinweis auf die Trennung von amtlichen und privaten Unterlagen in Nachlässen. Zudem seien Absprachen zwischen den beteiligten Archiven bei Politikernachlässen zwingend und zielführend. Scholz berichtete von positiven Beispielen und betonte als Ziel die Sicherung und öffentliche Nutzungsmöglichkeit von Unterlagen.

Das Podium bei der Sektionssitzung 1. Foto: VdA

Im abschließenden Vortrag von Cornelia Wenzel (Kassel) und Dr. Jürgen Bacia (Duisburg) ging der Blick nochmals auf den Bereich der nichtamtlichen Überlieferungsbildung. Fehlende Anbietungspflichten und erst seit wenigen Jahrzehnten vorhandenes Problembewusstsein hätten dazu geführt, dass neue soziale Bewegungen nur unzureichend und lückenhaft in Archiven dokumentiert seien. Viele Archive könnten, so Wenzel, nur als „Restesammler“ agieren. Bacia blickte auf das in den vergangenen Jahren Erreichte zurück. Er nannte die Etablierung des Arbeitskreises neue soziale Bewegungen im VdA, das 2016 verabschiedete Positionspapier des VdA und die stärkere Einbindung des Themas in die Archivausbildung in Potsdam und Marburg.
Trotz aller Bemühungen seien bis heute Überlieferungsdefizite vorprogrammiert, da die öffentliche finanzielle Förderung – von wenigen Ausnahmen abgesehen – mangelhaft sei. Insgesamt machten Wenzel und Bacia deutlich, dass freie Archive einen unverzichtbaren Beitrag zur Überlieferung unserer Gesellschaften leisten. Gerade die „Unbequemen und Alternativen“, so schon 1997 Peter Dohms, dürften „nicht in Vergessenheit geraten“.

Abschließend betonte M. Scholz, dass die „Überlieferung im Verbund“ eine Aufgabe sei, die sich allen Archivarinnen und Archivare stelle und in kollegialem Miteinander zu lösen sei.

Sektionssitzung 1
…und ins Archiv der harmlose Rest? Probleme einer verlässlichen Überlieferungsbildung bei der Übernahme
Leitung: Prof. Dr. Michael Scholz

Mittwoch, 26. September 11:30 bis 13:00 Uhr
Stadthalle Rostock/ Saal 1

Ein Gedanke zu „Sektionssitzung 1

  1. Zum Vortrag von Harry Scholz (Bonn): Der obenstehende Bericht erwähnt, daß die im Archiv der sozialen Demokratie verwendete Handreichung zur Nachlasseinwerbung einen „Hinweis auf die Trennung von amtlichen und privaten Unterlagen in Nachlässen“ enthalte.
    Tatsächlich lautete die entsprechende Passage in der via Powerpoint eingeblendeten Handreichung: Archivwürdig für das Archiv der sozialen Demokratie sind „Unterlagen zur beruflichen und politischen Tätigkeit (soweit nicht-staatlicher Herkunft)“.
    Kommunalverwaltung ist mindestens teilweise nicht-staatliche Verwaltung. Folglich ermöglicht diese Handreichung – entgegen der Formulierung im Tagungsbericht – auch die Übernahme von amtlichen Unterlagen, nämlich aus der Kommunalverwaltung, in das Archiv der sozialen Demokratie.
    Ob dies rechtlich zulässig ist, wurde – neben anderen Fragen – beim „Forum Archivrecht“ im September 2018 in Marburg streitig diskutiert, siehe dazu die Online-Tagungsdokumentation beim Youtube-Kanal der Archivschule Marburg.

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