Sektionssitzung 2

Aktuelles, Allgemein

Ein Gastbeitrag von Dr. Bettina Joergens

Dr. Jörg-Uwe Fischer (Potsdam) leitete die Sektion mit einem Rückblick auf zwei stark voneinander abweichende Positionen aus den 1990er Jahren zu der Frage, ob HistorikerInnen an Bewertungsentscheidungen von Archiven beteiligt werden sollen. Heute ist Partizipation ein viel geführtes Schlagwort, ein weiteres ist „Citizen Science“. Vor diesem Hintergrund stellten eine Archivarin und ein Archivar Konzepte und Beispiele zur Erschließung und Bewertung zur Diskussion.

„Überlieferungsbildung in Zeiten flüchtiger Strukturen“ war der Titel des Vortrags von Dr. Christine Axer. Foto: VdA

Den Anfang machte Dr. Christine Axer (Hamburg) mit einem Bericht über die sich verändernden Konzepte zur Systematisierung der Überlieferungsbildung „in Zeiten flüchtiger Strukturen“ auf der Basis von Archivierungs- und Bewertungsmodellen und an der immer neu auszulotenden Grenze zum Records Management in Behörden. Sie verwies auf die Herausforderungen durch eine unsystematische und hybride Schriftgutführung. Nach einem längeren Diskussions- und Veränderungsprozess mit der Freien Hansestadt Hamburg konnten nun Ressourcen für zwei Stellen im Bereich Records Management und Überlieferungsbildung erzielt werden. Diejenigen, die die Stellen besetzen werden, müssen Kompetenzen in den Bereichen Verwaltungsinformatik und Archivwissenschaft aufweisen. Die Diskussion rankte sich um die Frage, inwiefern BürgerInnen in den Bewertungsprozess einbezogen werden. Das Staatsarchiv ist laut Axer dazu noch in der Diskussion.

Perspektiven der „Citizen Science“ für das Archivwesen zeigte Dr. Andreas Neuburger in seinem Beitrag auf. Foto: VdA

Im Anschluss stellte in seinem Vortrag „Klares Handlungsfeld oder neue Spielwiese? Perspektiven der „Citizen Science“ für das Archivwesen“ Dr. Andreas Neuburger (Stuttgart) unterschiedliche Kollaborationsprojekte unter den sich stark wandelnden Labeln „Citizen Science“, „Crowdsourcing“ etc. vor. Im Grunde – so Neuburger – beteiligen Archive schon lange BürgerInnen bei der Umsetzung ihrer Aufgaben. Bis zum 21. Jahrhundert haben sich (selbstverständlich) Zielgruppen und die Medien der Zusammenarbeit geändert. Die Rückfragen bezogen sich auf die Ressourcen, die das Archiv für solche Beteiligungsprojekte aufwenden muss, auf die erforderliche Werbung und auf die Frage, wie die generierten Daten in die archivischen Erschließungssysteme integriert werden können. Neuburger betonte die Chancen für Archive, BürgerInnen zu beteiligen – auch zur Weiterentwicklung einer konstruktiven Fehlerkultur. Seiner Erfahrung nach könnten durch neue Kooperationen und Kollaborationen auch neue Ziel- und Nutzergruppen für Archive gewonnen werden.

Sektionssitzung 2
Offen für aktive Mitwirkung von Laien an Erschließungs- und Bewertungsprojekten – können beide Seiten profitieren?
Leitung: Dr. Jörg-Uwe Fischer

Mittwoch, 26. September 10:30 bis 13:00 Uhr
Stadthalle Rostock/ Saal 2

Ein Gedanke zu „Sektionssitzung 2

  1. In der Sektion 2 wurde m. E. die Chance verpasst, in einem interessierten Kreis aus Archivarinnen und Archivaren (die sich bewusst für die Sektion zum Thema „Offen für aktive Mitwirkung von Laien“ entschieden hatten), über mögliche Lehren aus dem Hamburger Fall der nachträglich kassierten Todesbescheinigungen zu diskutieren.
    Diese Bewertungsentscheidung hat zu überregionaler, ja internationaler negativer (und an vielen Stellen falscher und überzogener) Medien-Berichterstattung geführt. Das Staatsarchiv Hamburg hat am 15. Oktober eine Anerkennung verdienende Stellungnahme dazu veröffentlicht: https://www.hamburg.de/contentblob/11747460/bbee41da9a1579e1648f86d2bd7ab97b/data/todesbescheinigungen-15-10-2018.pdf
    In der einschlägigen Sektion in Rostock kam es aber leider zu keiner Diskussion über solche Fragen wie:
    – schließen erfolgte Benutzungen von Archivalien grundsätzlich ihre spätere ersatzlose Kassation aus?
    – wie gelangen Informationen aus Nutzerkontakten im Lesesaal (oder bei schriftlichen Anfragen) zu den „Entscheidern“ (tun sie dies überhaupt?)
    – welches Gewicht messen wir geäußerten Nutzungsinteressen bei? (für jedes Fitzelchen Papier findet sich eine Fragestellung, für die man gerade dieses Fitzelchen braucht)
    – machen wir einen Unterschied zwischen Nutzungsinteressen, die aus der Wissenschaft, und Nutzungsinteressen, die privat von Bürgern (z. B. mit Interesse an Familienforschung) geäußert werden?
    – unter welchen Bedingungen können wir uns eine institutionalisierte Einbeziehung von Laien („Bewertungskommission“) vorstellen / können wir das überhaupt?
    – wie gehen wir mit dem neuen Phänomen um, dass NutzerInnen – bei guter Vernetzung über soziale Medien – schnell „Öffentlichkeit“ herstellen können?

    Ich habe nach mehrjähriger Beobachtung des VdA-Blog nicht die Erwartung, dass eine öffentliche Diskussion dieser Fragen hier stattfinden wird. Wenn wir als archivische Fachcommunity aber auch nicht auf dem Deutschen Archivtag über solche Fragen diskutieren, wann und wo dann?

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